Guckst du noch, oder schießt du schon?

Entscheidungsfindung und Schießen

Der heutige Beitrag behandelt die Entscheidungsfindung beim Schießen von der 3. Viele Konzepte und Ideen lassen sich jedoch auch ohne Probleme auf andere Stangen übertragen.

Bei der Entscheidungsfindung kann man auf verschiedene Dinge achten, um seine Schussoption zu wählen. Im Folgenden fasse ich die für mich hilfreichsten und wahrscheinlich auch am weitesten verbreiteten Ansätze zusammen.

Schießen auf eine Lücke

Zunächst kann man sich vor dem Schuss eine Lücke vornehmen und darauf warten, bis diese frei ist. Das ist wohl die einfachste und auch intuitivste Möglichkeit, eine Lücke in der Deckung des Gegners zu finden. Gerade am Anfang hat man noch eine starke Präferenz, welchen Schuss man schießen möchte. Häufig wartet man dann einfach darauf, dass der Gegner diese Lücke frei macht.

Der klare Vorteil dabei ist, dass der Schuss zumeist eine hohe Qualität hat, weil er die ganze Zeit im Arm „geladen“ ist und nur noch ausgelöst werden muss. Der Nachteil ist natürlich, dass man darauf spekuliert, dass der Gegner die Lücke auch wirklich frei macht. Der Gegner kann z.B. das Wegfahren von der Lücke nur antäuschen oder durch einen Puppenwechsel die gleiche Lücke mit einer anderen Puppe decken. In diesen Fällen schießt man regelmäßig die Deckung an. Auch ist es schwierig, sich für eine andere Lücke zu entscheiden, wenn man sich von Anfang an einen Schuss vorgenommen hat.

Schießen auf Bilder

Eine andere Möglichkeit der Entscheidungsfindung besteht darin, dass man sich die Deckung des Gegners als Ganzes anschaut. Dabei fokussiert man nicht nur eine konkrete Lücke, sondern starrt auf den Ball oder auf einen Punkt zentral vor dem Strafraum. Entscheidend ist, dass man die gesamte Deckung im Blickfeld hat und sie aus dem Augenwinkel sehen kann. Dann versucht man, Bilder in der Deckung zu erkennen. Gibt es einen Rhythmus? Ist immer die gleiche Lücke auf, nachdem er die Puppen kreuzt? Wo halten sich die Puppen die meiste Zeit im Tor auf? Häufig kann man nach ca. 8-10 Sekunden die Deckung auf wenige Bilder reduzieren, welche sich gegenseitig abwechseln bzw. wiederholen. An diesem Punkt fängt man an, intuitiv zu erahnen, wohin man am besten schießt.

Am Anfang ist es schwierig, nicht nur auf genau die Lücke zu gucken, auf die man schießt. Das Training lohnt sich aber, weil man mehr Informationen auf einmal erhält. Beim Gucken auf eine Lücke, sieht man nur, wie der Gegner diese eine Lücke deckt. Wenn man das ganze Tor aus dem Augenwinkel betrachtet, dann erhält man auch Informationen, wie der Gegner die anderen Lücken deckt. Dementsprechend wartet man nicht mehr darauf, dass der Gegner eine Lücke freigibt, sondern ein bestimmtes Bild zeigt, um dann den Schuss auszulösen. Diese Art zu Schießen habe ich erst nach ein paar Jahren für mich entdeckt. Das liegt glaube ich daran, dass mehr Informationen auf einmal verarbeitet werden müssen. Das Gehirn erlernt diese Fertigkeit erst im Laufe der Zeit auf einer intuitiven Ebene.

Ein ähnliches Phänomen ist auch bei Schachspielern zu beobachten. Während ein Anfänger oder Gelegenheitsspieler nach dem besten Zug sucht, wandern seine Augen viel auf dem Feld hin und her. Er muss sich immer wieder an die einzelnen Eigenschaften und Zugmöglichkeiten der Figuren erinnern und die Züge einzeln visualisieren. Ein Großmeister hingegen bewegt seine Augen während seiner Suche nach dem stärksten Zug viel weniger. Er erfasst mehrere Figuren zusammen als Bilder und ordnet diesen intuitiv gewisse Möglichkeiten zu. Dadurch verarbeitet er mit einem Blick viel mehr Informationen als ein Anfänger. Gewissermaßen guckt er weniger, sieht dabei aber viel mehr.

Schießen auf Erinnerung

Neben den oben beschriebenen Arten, bei denen man sich aufgrund des Gesehenen entscheidet, kann man sich auch aufgrund der eigenen Erinnerung entscheiden. Damit meine ich, dass man nicht genau sieht, welche Lücke gerade auf ist oder beim Schuss frei sein wird. Vielmehr schießt man aufgrund eines Gefühls oder einer vorangegangen Situation auf die Lücke. Z.B. kann man beim Schießen auf eine Lücke oder ein Bild mehrfach gehalten worden sein, obwohl man eine Lücke gesehen hat. Wenn man sich auf das Gesehene nicht mehr verlassen kann, kann man entsprechend genau auf die gegenteilige Lücke schießen.

Dies bietet sich insbesondere bei schnell abgeschlossenen Schüssen an, oder wenn man sich durch Fakes oder Fehlschüsse vorher Informationen geholt hat. Der Nachteil liegt auf der Hand. Wenn man nicht guckt, dann rät man eigentlich nur, ob eine bestimmte Lücke frei ist oder nicht. Allerdings kann dieses Raten besonders hilfreich sein, wenn man mit seinem normalen System nicht weiterkommt. Außerdem ist es auch nicht mehr bloßes Raten, wenn man seine Entscheidung auf vorher gesammelten Informationen aufbaut.

Entscheidung zwischen Lücke und Puppe

Von dieser Art der Entscheidungsfindung lässt sich ein generelles Prinzip beim Kickern ableiten. Man könnte es die „Entscheidung zwischen Lücke und Puppe“ nennen. Damit meine ich Situationen, in denen sich der Angreifer entscheidet, auf die Lücke oder aber auf die Puppe des Gegners zu schießen. Dies lässt sich bei guten Spieler auf der 5 beobachten. Häufig ist beiden Spielern klar, dass die Pässe nur von bestimmten Punkten gespielt werden. Wenn der Ball also während des Setups nicht auf diesen Punkten ist, kann der Verteidiger dem Stürmer eine Deckung präsentieren, ohne einen Pass befürchten zu müssen. Erst wenn der Ball die Passpunkte erreicht hat, muss sich der Verteidiger entscheiden, ob er auf dem bisherigen Punkt stehen bleibt, oder aber auf die anderen Lücke springt.

Dieses Prinzip lässt sich auch auf die 3 übertragen. Zwar gibt es kein Verbot des Ein-Mann-Pass, welches dazu führt, dass der Pass nur von bestimmten Punkten gespielt werden kann. Allerdings entwickeln gute Torwärte relativ schnell ein Gefühl für das Timing und die Dauer der Umsetzung für einen Schuss. Mit diesen Informationen können sie eine ähnliche Situation kreieren. Solange sie keinen Schuss erwarten, lassen sie bestimmte Lücke einfach offen und locken den Spieler. In dem Moment wo sie den Schuss antizipieren, springen sie in die Lücke. Von Außen sieht das manchmal aus, wie ein stumpfer race.

In Wirklichkeit fahren die Torwärte jedoch schon einen kurzen Moment bevor der Schuss kommt auf die entsprechende Lücke. Der Unterschied zu einem echten race ist mit dem bloßen Auge schwer zu erkennen, wenn der Torwart clever ist. Auf diese Weise kann der ein oder andere Spieler schonmal an seiner Schussgeschwindigkeit zweifeln. Ab einer gewissen Grundgeschwindigkeit ist Timing bei einem Schuss also wesentlich wichtiger als Schnelligkeit.

Zu diesem Thema habe ich vor ein paar Jahren auch ein schönes Zitat aufgeschnappt, welches ich erst im laufe der Zeit verstanden hab.

„Beim Kickern denkt man am Anfang, dass der Torwart immer langsamer als der Stürmer ist.

Als Stürmer weiß man jedoch, dass man in bestimmten Situationen nie schneller als der Torwart ist.“

Die beste Möglichkeit?

Jetzt ist natürlich die Frage, welche von den beschriebenen Optionen die beste ist. So pauschal kann man das meiner Ansicht nach nicht sagen. Es kommt immer auf die Situation und den Spielverlauf an, welche Option am besten ist. Als Ausgangspunkt würde ich versuchen, Bilder in der Deckung des Gegners zu erkennen und darauf zu schießen. Wenn ich dabei nicht genau sehe, ob bestimmte Lücken frei werden, dann schaue ich auf einzelne Lücken. Dadurch kann ich die Präzision und die Geschwindigkeit des Schusses erhöhen. So kann man z.B. die ersten 7 Sekunden versuchen, Bilder in der Deckung zu erkennen und sich dann für eine Lücke entscheiden und sich auf diese konzentrieren.

Manchmal wird man dabei jedoch gut verteidigt und man wird aus der Deckung des Gegners einfach nicht schlau. Dann sollte man durchaus auch mal etwas ausprobieren und auf Erinnerung schießen, um den Gegner zu überraschen. An der eigenen Schussgeschwindigkeit sollte man erst als letztes zweifeln. Sicherlich kann es sein, dass der Torwart den Zeitpunkt eures Schusses erahnt. Doch wenn eure anderen Schüsse genauso aussehen, dann könnt ihr immer noch auf die Puppen des Gegners schießen, um Tore zu erzielen.

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