Tiefe oder Breite? Wie viele Optionen brauchst du?

Wie viele Optionen braucht man eigentlich beim Kickern? Sollte man sich minimalistisch auf zwei Pässe und drei Schüsse beschränken? Oder sollte man durch ein möglichst vielfältiges Arsenal den Gegner überraschen? Diese Grundsatzfragen stellt man sich nicht nur im Tischfußball, sondern wahrscheinlich bei jeder anderen Sportart auch.

Was meine ich mit Tiefe und Breite?

Der Titel ist zugegebenermaßen ziemlich vage. Deswegen lasst mich zunächst erklären, was ich damit überhaupt meine. Mit Tiefe und Breite meine ich die Anzahl an Optionen im Verhältnis zu deren Qualität. Ein System mit möglichst vielen Pässen und Schüssen ist also „breit“. Ein System mit wenigen austrainierten Optionen ist „tief“.

Mit einem „breiten“ System kann man das eigene Spiel auf möglichst viele Optionen aufbauen. Mal spielt man einen Brushpass, mal ein Kantenpass und dann wieder Beschleuniger oder Stickpässe. Auf der 3 kann man mit dem Jet anfangen und wenn das nicht funktioniert, auf Zieher wechseln. Gerade am Anfang sind bei fast allen Spielern die einzelnen Optionen unterschiedlich stark. Beim Jet kann man z.B. nur nach links schießen und beim Zieher nur die lange Option. Wenn der Gegner das bemerkt und man konsequent nur Jet bzw. Zieher schießt, kann es schnell passieren, dass man gar keine Tore mehr macht. Wenn man aber zwischen vielen Optionen hin- und herwechselt, dann ist das auf kurze Sicht erfolgreicher. So ist man nämlich nicht so oft gezwungen, immer wieder den schwachen Schuss oder Pass zu spielen.

Auf der anderen Seite steht der Ansatz, dass man sich auf möglichst wenige Optionen beschränkt. Am Anfang also z.B. zwei Pässe und drei Schüsse. In der Theorie ist das ausreichend, um erfolgreich zu legen und zu schießen. Man hat schließlich immer eine Option mehr als der Gegner Puppen zum Verteidigen hat. Doch gerade wenn das eigene Spiel so reduziert ist, fallen dem Gegner besonders schnell Unsauberkeiten und Fehler auf. Er wird durch euer System nicht überrascht, weil er weiß was kommt. So kann er sich voll und ganz auf eure Entscheidungsfindung und Fehler in eurer Technik konzentrieren. Wenn ihr aufgehalten werdet, dann kann es gerade am Anfang schwer fallen, schnell Lösungen zu finden.

Vorteile eines tiefen Systems

Welcher von den beiden Ansätzen besser ist, muss wahrscheinlich jeder für sich entscheiden. In diesem Zusammenhang kann man sich besonders erfolgreiche Tischfußballspieler oder andere Sportler anschauen. Von Bruce Lee stammt z.B. das Zitat:

„I fear not the man who practiced 10.000 kicks once, but I fear the man who practiced one kick 10.000 times.”

Damit spricht er sich ganz klar für einen „tiefen“ Ansatz aus. Dafür gibt es meiner Ansicht nach mehrere gute Gründe.

Höhere Qualität

Der offensichtliche Vorteil ist die Qualität der einzelnen Optionen. Wenn man nur zwei Pässe spielt und diese 100 Stunden trainiert hat, dann wird die Qualität immer höher sein, als wenn man 10 Pässe insgesamt 100 Stunden trainiert hat. Wenn man sich Profisportler anguckt, dann stellt man auch dort eine Spezialisierung fest. Fußballspieler werden nur auf wenigen Positionen eingesetzt. Tennisspieler machen mit wenigen Schlägen den Großteil ihrer Punkte. Auch bei professionellen Computerspielern beschränken sich einzelne Spieler auf bestimmte Klassen oder Funktionen, welche sie im Team übernehmen. Diese Art von Beschränkung bzw. Spezialisierung führt also zu einer höheren Qualität.

Eng damit verbunden ist die Konstanz der einzelnen Optionen. Häufig entscheiden nicht in erster Linie die Fehlentscheidungen über Sieg oder Niederlage, sondern die unterlaufenen technischen Fehler. Gerade ab einem bestimmten Level kann man es sich nicht mehr erlauben, dem Gegner drei bis vier Bälle pro Satz dadurch zu schenken, dass man einen Pass nicht fängt oder einen Schuss an den Pfosten setzt. Je besser die Gegner allerdings werden, desto weniger Fehler spielen sie. Um einen Satz zu gewinnen, muss man eigene Fehler also immer häufiger durch gute Aktionen (Verteidigen, Blocken, etc.) ausgleichen. Man startet gewissermaßen mit einem Wettbewerbsnachteil in jeden Satz, wenn man mehr Fehler als der Gegner spielt.

Insbesondere in Drucksituationen ist dieses Phänomen zu beobachten. Wenn man im Training sicher den Beschleuniger direkt nach dem Kanten- und dem Brushpass spielen kann, so fühlt sich das beim 4:4 gar nicht mehr so gut an. Wenn man sich aber die ganze Zeit mit wenigen sicheren Optionen begnügt hat, dann fällt es auch in der Drucksituation leichter, diese erfolgreich zu spielen.

Übertragung auf das restliche Spiel

Der nächste Vorteil ist die Übertragungsmöglichkeit auf das restliche Spiel. Dazu ein kleiner Ausflug in meine persönlichen Erfahrungen beim Training. Wenn ich mich allein an den Tisch stelle und viele verschiedene Dinge abwechselnd übe, dann kann ich selten einen nennenswerten Fortschritt feststellen. Z.B. kann ich fünfmal schießen, dann zehnmal passen und dann aus Langeweile mit Trickshots anfangen und es entwickelt sich gefühlt gar nichts.

Wenn ich aber einen bestimmten Pass verbessern will, dann spiele ich teilweise über 5-15 Minuten nur diesen einen Pass. Dadurch wird in erster Linie natürlich die Qualität dieses Passes (Winkel, Geschwindigkeit, etc.) immer besser. Dabei erkenne ich aber auch im Laufe der Zeit immer feinere Unterschiede zwischen den gespielten Pässen. Meine Wahrnehmung für den optimalen Balllauf wird feiner und auch das Gefühl für das Timing beim Fangen etc. verbessert sich. Darüber hinaus entwickelt sich ein immer besseres bzw. sichereres Gefühl für diesen einen Pass. Soweit so vorhersehbar.

Wenn ich anschließend allerdings etwas beliebig anderes übe, dann klappt das meistens aus dem Stand auch viel besser. Sogar Schüsse oder Trickshots funktionieren besser. Gerade beim Üben von Pässen beobachte ich auch häufig, dass ich beim Blocken ein viel besseres Gefühl für das Timing und die Winkel habe und deshalb erfolgreicher verteidige. Der Fortschritt des Trainings von diesem einen Pass hat sich also irgendwie auf mein restliches Spiel übertragen.

Dieses Phänomen lässt sich damit erklären, dass man während dieses minimalistischen Trainings ein besonders gutes Ballgefühl und Wahrnehmung entwickelt. Der Körper hat durch die Verbesserung eines einzigen Passes also etwas gelernt, was er auch auf viele andere Bereiche des Spiels übertragen kann. Es gibt also universelle Prinzipien, die der Körper intuitiv lernt und dann automatisch auf andere Bereiche des Spiels überträgt. Allein für diese Möglichkeit lohnt sich meiner Ansicht nach dieses minimalistische Training.

Besseres Spielverständnis

Als Drittes entwickelt sich bei einem minimalistischen Ansatz auch das eigene Spielverständnis besser. Wenn sowohl euch als auch dem Gegner die verfügbaren Optionen klar sind, dann verschiebt sich der Wettkampf mehr und mehr auf die mentale Ebene. Bei einer Deckung die euch große Probleme bereitet, könnt ihr noch und nach Lösungen im Rahmen eures Systems entwickeln. Wenn ihr die Lösung gefunden habt, dann liegt es nun beim Gegner, etwas umzustellen.

Wenn ihr in Zukunft in einem anderen Spiel ein ähnliches Problem habt, dann könnt ihr den bereits gefundenen Lösungsansatz einfach übertragen. So generiert ihr im Laufe der Zeit immer mehr Lösungen zu existierenden Problemen. Dadurch entwickelt sich euer Spielverständnis weiter und weiter. So etwas in der Richtung meint wohl auch Tony Spredeman, wenn er sagt:

“I believe that working through your problems makes you stronger in the end.“

Die begangenen Fehler und Misserfolge mit euren Grundoptionen sind gewissermaßen notwendige Voraussetzung für langfristigen Erfolg. Grundsätzlich bin ich daher ganz klar für ein tiefes Spielsystem. Gerade am Anfang entwickelt man sich damit am schnellsten weiter. Auch wenn es frustrierender sein kann, als ein möglichst breites System. In dieser Phase muss jeder Spieler für sich entdecken, welche Pässe ihm am leichtesten von der Hand gehen und auch woran er am meisten Spaß hat.

Welche Ausnahmen gibt es?

Wenn man dann eine gewisse Qualität bei diesen Grundoptionen aufgebaut hat, sollte man nach und nach auch andere Optionen einbauen, die euer System sinnvoll ergänzen. Inspiration könnt ihr euch bei anderen Spielern holen, die ein ähnliches System spielen wie ihr. Überlegt nach verlorenen Spielen, ob ihr weitere Pässe oder Schüsse in eurem System braucht, um es das nächste Mal einfacher zu haben. Das können alles Ansatzpunkte sein, um euer System nach und nach zu erweitern. Als Faustregel könnte man sagen: je erfolgreich ihr seid, desto breiter darf auch euer System sein.

Lernt von den Besten

Dies kann man auch bei erfolgreichen Tischfußballspielern wie Frederic Collignon, Billy Pappas oder Tony Spredeman beobachten. Grundsätzlich lässt sich deren Spiel auf wenige Optionen reduzieren. Doch wenn man sich das Spiel genauer anguckt, dann fallen einem durchaus Unterschiede in der Ausführung der einzelnen Optionen auf. Dann werden Pässe z.B. in einer anderen Geschwindigkeit oder mit einem anderen Winkel gespielt, oder Schüsse werden mit einem Wechsler oder aus dem Wandern heraus geschossen. Ab und zu werden sogar Überraschungsaktionen wie Pullkicks oder Bouncepässe etc. eingestreut, die vollkommen vom eigentlichen System abweichen.

Eine solche Variabilität kann, gerade wenn man gut verteidigt wird, den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen. Doch muss man dabei im Hinterkopf behalten, dass sich diese Spieler technisch auf einem völlig anderen Level bewegen als die meisten anderen Spieler. Erst durch endlose Stunden am Tisch sind sie in der Lage, in Drucksituationen durch Kreativität und Improvisation Spiele zu entscheiden. Für alle anderen ist es meiner Ansicht nach besser, mit einem kleinen System zu starten. Nach und nach kann man dann zusätzliche Optionen wie Wechsler oder einen Kantenpass einbauen, um gegen verschiedene Verteidigungen zu bestehen. Wenn ihr im Spiel oder im Training eine alternative Option findet, bei deren Ausführung ihr ein sicheres Gefühl habt, dann ist das ein guter Indikator. Denn im Zweifel muss diese Option auch in Drucksituationen konstant abrufbar sein.

Besinnt euch immer wieder auf eure Stärken

Doch dabei sollte man nicht vergessen, dass all die zusätzlichen Optionen auf eure Standardoptionen aufbauen sollten. Erst wenn die Standardoptionen sicher gespielt werden und nicht zum Erfolg führen, müssen die weiteren Optionen aktiviert werden. Mir hilft es zumindest immer, wenn ich mich auf meine Standardoptionen besinne und nicht das Spiel mit dem dritten vor dem ersten Schritt aufbaue.

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